Casually Stupid
Wie Rechtsextreme und Neonazis eine Subkultur instrumentalisieren
Die Fankultur des Fußballs – geprägt von Pyrotechnik, Fangesängen und emotionaler Hingabe – bietet für viele Jugendliche ein starkes Identifikationsangebot, das stark mit dem Ideal des “Ultra-Daseins” verknüpft ist. Um sich vom herkömmlichen Publikum abzugrenzen, adaptieren viele Gruppierungen einen spezifischen Kleidungsstil, der diese Identität visuell kodiert. Der sogenannte “Casual”- oder “Terrace”-Style, der englische Wurzeln aufweist und traditionell mit der Ultra- und Hooliganszene assoziiert wird, verbindet Männlichkeitsideale, Kameradschaft, Aggressivität und markenbewusste Ästhetik. Dieser Stil dient rechtsextremen Akteuren zunehmend als Einfallstor für “Mainstreaming”-Strategien: Unter dem Deckmantel einer vermeintlich unpolitischen Subkultur und Ästhetik werden Jugendliche in extremistische Strukturen integriert und an menschenverachtendes Gedankengut herangeführt.

Like a Lemon – Eine kurze Geschichte des Casual-Stils
Die Wurzeln der Casual-Kultur liegen in der britischen Arbeiterklasse der 1970er und 1980er Jahre, insbesondere in Industriestädten wie Liverpool und Manchester. Durch die Auswärtsspiele der englischen Mannschaften in den europäischen Wettbewerben etablierte sich die “Terrace Culture” bald auch auf dem europäischen Festland. Historisch entwickelte sich der Kleidungsstil aus früheren urbanen Jugendbewegungen wie den “Mods” und “Skinheads”. Die Subkultur war dabei zu keinem Zeitpunkt ideologiefrei; obwohl sie anfangs stark mit Ska, Punk und anarchistischen Strömungen assoziiert wurde, bildeten sich rasch rechtsextreme Tendenzen heraus[1].

Lange Zeit galt der Casual-Look als zentrales Erkennungsmerkmal der Hooligan- und Ultraszene und diente der klaren Abgrenzung vom kommerziellen Fan, der lediglich Schal und Trikot trug. Ein primäres Motiv für das Tragen teurer, bürgerlicher Markenkleidung – anfangs dominiert von britischen Labels wie Burberry, Fred Perry[2] und Ben Sherman – war die strategische Tarnung. Lonsdale kontrastierte als Boxermarke den teuren Look mit der Gewalt des assoziierten Sports. Die elitäre Ästhetik sollte der Polizei suggerieren, es handele sich um unauffällige Jugendliche aus der Mittel- oder Oberschicht und nicht um gewaltbereite Fußballfans[3]. Mit der zunehmenden Verbreitung öffentlicher Überwachungskameras passte sich die Subkultur an: Kleidungsstücke wie der “Bucket Hat” oder Jacken der Marke C.P. Company mit in die Kapuze integrierten Schutzbrillen etablierten sich als funktionale Mittel zur Anonymisierung. In der Folge diversifizierte sich die Szene auch ästhetisch. Teure französische und italienische Designermarken sowie Sportartikelhersteller wie Adidas und Nike wurden in das Repertoire aufgenommen. Zudem entstanden szeneninterne Labels wie Peaceful Hooligan oder Weekend Offender, die diese Identität kommerzialisierten.[4].

Wirklichen Legendenstatus und eine globale Popularisierung erfuhr der Kleidungsstil durch filmische Repräsentationen, wie etwa den Film Green Street Hooligans (2005). Vor allem aber die Musikindustrie fungierte als Multiplikator: Bands wie The Stone Roses, Oasis und Blur adaptierten den Casual-Look und machten ihn zum visuellen Markenzeichen der Britpop-Bewegung [5][6].
Mainstreaming Hate – Hatejacking und die Vereinnahmung einer neuen Jugendkultur
Die extreme Rechte versucht zunehmend, nicht nur in den politischen, sondern auch in den (sub)kulturellen Mainstream vorzudringen. Dabei wird das Ziel verfolgt, rechtsextreme Positionen möglichst legitim, alltäglich und teilweise sogar trendy erscheinen zu lassen[7]. Ein zentraler Mechanismus in diesem Prozess ist das sogenannte „Hatejacking“[8].

Unter diesem Begriff versteht man die feindliche Übernahme etablierter Mainstream-Marken, die von rechtsextremen Akteuren mit einer ideologischen Bedeutung aufgeladen werden. Dies geschieht häufig, indem die Kleidung mit extremistischen Symbolen – wie der Schwarzen Sonne oder dem White-Power-Zeichen – kombiniert wird. Neben Marken wie Lonsdale, Ben Sherman oder Alpha Industries ist in neuerer Zeit insbesondere Fred Perry davon betroffen. Zwar war die Marke aufgrund ihres Lorbeerkranz-Logos bereits früher in rechten Subkulturen beliebt [9] sie wurde jedoch erst durch die systematische Aneignung durch die faschistoide Gruppierung der US-amerikanischen „Proud Boys“[10].

international unweigerlich mit der extremen Rechten verknüpft. Diese Strategie wird genutzt, um hasserfüllte Botschaften in den Alltag zu integrieren, ohne dass diese auf den ersten Blick als extremistisch erkannt werden.
Normcore als Tarnung
Bereits mit dem Aufkommen der sogenannten „Nipster“ (Nazi-Hipster)[11] zeigte die extreme Rechte eine Abkehr von der klassischen, leicht identifizierbaren Skinhead-Ästhetik der 1990er und 2000er Jahre[12]. Diese Entwicklung wurde maßgeblich von der Identitären Bewegung vorangetrieben. Deren erklärtes Ziel ist es seit 2015, faschistisches und rechtsextremes Gedankengut anschlussfähig für den Mainstream zu machen, weshalb sie in ihrer Außendarstellung dem klassischen „Straßennazi“ eine bewusste Absage erteilte[13].

Dabei kommt es zu gezielten optischen Abwandlungen und einer sogenannten „Normcore“-Ästhetik, bei der Kleidung völlig unauffällig wirken soll. Während beispielsweise skandinavische Ableger die Outdoor-Marke „The North Face“ direkt völkisch aufladen, kommt es andernorts zu Relabelings bekannter Markenlogos – hierfür ist unter anderem die Neonazi-Klitsche „Balaclava Graphics“ aus Bautzen (Sachsen) bekannt. Ein weiteres Mittel der kulturellen Unterwanderung ist das Culture Jamming: Der rechte Influencer Tim Kellner nutzt beispielsweise Symbole der LGBTQIA*-Bewegung, um diese durch ironische Aneignung verächtlich zu machen. Durch diese Alltagstauglichkeit und scheinbare Unauffälligkeit sinkt die Hemmschwelle für Jugendliche, solche Kleidung als „normal“ zu werten und zu tragen. Dies erleichtert den Einstieg in die Szene erheblich[14].
Digitale Radikalisierung: Memes, TikTok und Dog Whistles
Um das Overton-Fenster des gesellschaftlich Akzeptierten zu verschieben, werden online gezielt Hypes erzeugt und Memes verwendet. Neben der textilen Ästhetik nutzen Rechtsextreme in ihrer Kommunikation popkulturelle Phänomene, sei es „Pepe der Frosch“ oder das „Okay“-Emoji, welches als White-Power-Symbol umgedeutet wurde[15].
Beim Video wird nicht nur eine in der extrem Rechten Szene beliebte audiospur benutzt, sondern auch einer migrantischen Figur der Casual Style als “weiß” und “überlegen” dargestellt.
Auf Plattformen wie TikTok werden dafür vor allem Audiospuren genutzt. Dies reicht von der rassistischen Umdichtung von Gigi D’Agostinos „L’Amour Toujours“ bis hin zum Hijacking von Sounds aus der unpolitischen Casual-Szene. Es wird Content hochgeladen, der eine hohe Ähnlichkeit zu unpolitischen Inhalten aufweist, jedoch mit sogenannten „Dog Whistles“ – also versteckten Codes für Eingeweihte – versetzt ist. Durch den humoristischen Anstrich) sichern sich die Akteure eine glaubhafte Abstreitbarkeit[16]. Es war nämlich alles nur ein großer Spaß. Dadurch wirken sie harmlos, während ihre Botschaften unterbewusst eine viel stärkere Resonanz erzielen.
Algorithmische Radikalisierung und Remaskulinisierung
Dieser Bottom-up-Prozess wird durch die Architektur der Plattformen, die sogenannte „algorithmische Radikalisierung“, massiv beschleunigt. Durch hohe Klickzahlen, gezielt erzeugte Kontroversen und das Einsickern in den Mainstream werden extremistische Inhalte durch die algorithmische Kuratierung sozialer Netzwerke wie TikTok und Instagram immer häufiger an eine vorwiegend junge Nutzerschaft ausgespielt[17]. Die Konsumenten geraten so in Filterblasen und Echokammern, die ihre Weltbilder schrittweise verengen und weiter radikalisieren. In diesen Räumen werden LGBTQIA*-Personen, Jüdinnen und Juden sowie Migranten konsequent als existenzielle Bedrohung für eine „weiße Heimat“ deklariert[18][19]. Oftmals vernetzen sich auf diesen Plattformen vorwiegend junge, marginalisierte Männer. Die rechtsextreme Ideologie und die Ästhetik der Stärke fungieren für sie als Instrument der „Remaskulinisierung“, um einen gesellschaftlich gefühlten Statusverlust auszugleichen.
In der Folge bilden sie offline Jugendgruppen, vernetzen sich in militanten Strukturen wie den „Sächsischen Separatisten“ oder radikalisieren sich im schlimmsten Fall zu gewalttätigen Terroristen[20].
Männlichkeit und Remaskulinisierung als Radikalisierungsmotor
Extremistische – insbesondere dschihadistische und rechtsextreme – Gruppierungen nutzen das Versprechen einer “Remaskulinisierung” gezielt als Instrument, um junge Männer zu rekrutieren und an sich zu binden[21]. Kern dieses Narrativs ist die Behauptung, die moderne, liberale Gesellschaft sei durch Feminismus, LGBTQIA*-Rechte und Gleichstellung “verweichlicht” worden. Den Männern wird suggeriert, sie hätten in diesem Prozess ihren naturgegebenen Status als “Kämpfer”, “Beschützer” und letztlich als “wahre Männer” eingebüßt[22].

Reale gesellschaftliche Krisendynamiken wie Inflation, Kriege oder prekäre berufliche Aussichten befeuern bei vielen jungen Männern tiefgreifende Statusängste. Der Einstieg in extremistische Milieus – oft niedrigschwellig vermittelt über subkulturelle Codes wie ein Fred-Perry-Poloshirt – wirkt in diesem Kontext als verlockender Ausweg, um das Gefühl männlicher Souveränität zurückzuerlangen[23]. Gruppierungen wie der III. Weg, die Jungen Nationalisten oder Deutsche Jugend voran versprechen die Wiederherstellung einer “männlichen Vorherrschaft”. Sie positionieren sich aggressiv gegen LGBTQIA*-Personen und Feminismus, welche in antisemitischen und antiliberalen Verschwörungserzählungen oft als zersetzende Kräfte markiert werden[24].
Gefördert wird dieses toxische Männlichkeitsideal durch die offene Verherrlichung von Gewalt, etwa gegen die Polizei oder rivalisierende Fußballfans, sowie durch die Inszenierung einer militanten Hypermaskulinität[25]. Physische Dominanz, Aggression und Gewaltbereitschaft werden als Attribute eines “Alpha-Mannes” und als legitime Mittel zur Erlangung von Status und Respekt idealisiert[26].
Diese Dynamik manifestiert sich besonders in der gezielten Instrumentalisierung von Kampfsport und Mixed Martial Arts (MMA).[27] Auf Plattformen wie TikTok wird dies durch das Zurschaustellen von Schattenboxen oder inszenierten Rangeleien innerhalb der Casual-Szene populär gemacht. Im Zuge der fortschreitenden Radikalisierung werden junge Männer in rechtsextremen Fight Clubs und auf Kampfsportturnieren durch die Betonung von physischer Fitness, Disziplin, einem asketischen Lebensstil (z. B. “Straight Edge”) und exklusiver “Brüderlichkeit” rekrutiert[28]. Dies geschieht auch bei „Gemeinschaftstagen“, „Wanderungen“ oder „Jugendtagen“. Die sportliche und körperliche Härte wird dabei tiefgreifend ideologisch aufgeladen: Die Männer werden psychologisch auf ihre Rolle als elitäre “Krieger” vorbereitet, die in einem herbeigesehnten Rassen- oder Bürgerkrieg die “weiße Heimat” verteidigen sollen[29].

Die Hooligan- und Ultra-Subkultur fungiert hier als zentraler Katalysator. Sie ist historisch in einer hegemonialen Männlichkeit und einer romantisierten Vorstellung der “Arbeiterklasse” verwurzelt, in der die Fähigkeit zum physischen Kampf sozialen Status und Ehre generiert[30]. Straßenkämpfe und gewalttätige Auseinandersetzungen im Fußballkontext dienen dabei als Initiationsritus auf dem Weg zum “wahren Mann”[31]. Die Casual-Szene greift diese Logik auf, transloziert sie jedoch in die Welt des symbolischen Konsums: Sie verspricht die gleiche identitätsstiftende Wirkung allein durch das Tragen spezifischer Marken, die mit diesem militanten Verhalten assoziiert werden. Man “leiht” sich die Street Credibility durch Ellesse-Jacken oder Fred-Perry-Polos. Die Anlehnung an Hooligan-Gruppierungen bietet jungen Männern exakt jene Kameradschaft, Loyalität und exklusive homosoziale Gemeinschaft, nach der sie in Zeiten empfundener Prekarität suchen[32].
Sowohl die „HEIMAT“ als auch der III. Weg werben um gewaltaffine Fußballfans, und das nicht erst seit gestern. Bereits 2011 wurden über Bestrebungen der NPD berichtet[33], 2008 sagte der damalige NPD Vorsitzende Apfel sinngemäß, dass man versuche die Anhänger von Fußballvereinen aufgrund der großen gesellschaftlichen Akzeptanz in die Bewegung führen möchte. Der III. Weg brachte erst vor kurzer Zeit ein Buch heraus, welche die Rolle von Fußball als Ort der Rekrutierung diskutierte. Das Active Club Netzwerk, spricht sich auch in Europa dafür aus auf den Rängen der Fußballstadien auf Mitgliederfang zu gehen.
Dies erklärt die immense Attraktivität des Casual-Styles für die extreme Rechte. Der Stil ist nicht nur untrennbar mit Idealen wie toxischer Männlichkeit, Gewalt und Bewährungslogik verknüpft, sondern durch den kommerziellen Erfolg des Fußballs auch tief im europäischen Mainstream verankert. Darüber hinaus nutzen explizit rechtsextreme Modemarken wie Thor Steinar, Phalanx Europa oder das mit der MMA-Szene verwobene Label White Rex den Casual- und Sportswear-Stil, um eine hypermaskuline Identität zu vermarkten[34][35]. Die Kleidung wird mit nordischer Mythologie, militärischen Codes und Botschaften von “Brüderlichkeit”, “Heldenmut” und der “Verteidigung der Heimat” aufgeladen. Der Casual-Style ermöglicht es Rechtsextremen somit, eine toxische, gewaltbereite Männlichkeit als modische, sportliche und rebellische Jugendkultur zu tarnen. Diese Ästhetik stiftet Zusammenhalt nach innen und schleust extremistische, männlichkeitsverherrlichende Botschaften nahtlos in den Alltag der gesellschaftlichen Mitte ein[36].
Bekannte Gesichter aus der extrem rechten Szene
Auf TikTok nennt er sich „Rassel“, auf der Straße kennt man ihn als Maximilian Lesche. Der Aktivist der rechtsextremen Jungen Nationalisten (JN) versucht sich im Netz als eine Art „Casual Ambassador“. Auf seinem Profil postet er sogenannte „Fit-Checks“ – er präsentiert also seine Outfits, die stark an den Casual-Style angelehnt sind. Oft taucht er in seinen Videos gemeinsam mit der Influencerin „Odine“ auf. Man kennt sich: Beide waren bereits zusammen auf rechtsextremen Protesten in Berlin unterwegs.

Dass diese digitale Ästhetik auch reale Folgen haben kann, zeigt Lesches Offline-Aktivismus. Klandestin – über Instagram, Telegram und Co. – trommelt er zu „Casual Treffen“ im Raum Dresden zusammen. Offiziell geht es nur um den harmlosen Austausch über Klamotten und Marken. Doch die Realität sieht anders aus: Im Nachgang eines solchen Treffens soll es mutmaßlich zu einem Übergriff gekommen sein, bei dem ein Passant aus einer Straßenbahn gedrängt wurde[37] Quellen, die beim Treffen vor Ort waren, bestätigen uns diese Verbindung.
Die Influencerin „Odine“ fährt eine ähnliche Taktik, geht nach außen hin aber subtiler vor. Garniert mit Emojis, die in der rechten Szene beliebt sind, präsentiert sie sich auf den ersten Blick als reines Fashion-Girl. Darauf angesprochen, behauptet sie gerne, ihr Content sei doch „völlig unpolitisch“, sie habe eben einfach nur „eine eigene Meinung“.
In der Extremismusforschung nennt man diese Taktik Plausible Deniability : Man hält sich bewusst ein rhetorisches Hintertürchen offen, um für den Mainstream anschlussfähig zu bleiben und nicht von Plattformen gesperrt zu werden. Doch ein Blick hinter die digitale Fassade entlarvt diese Strategie: „Odine“ hängt nicht nur ständig mit dem JN-Aktivisten „Rassel“ ab, sondern marschierte auch bereits auf mehreren rechtsextremen Protesten in Berlin mit. Wer offline Schulter an Schulter mit organisierten Neonazis auf die Straße geht, ist vieles – aber ganz sicher nicht „unpolitisch“.
Auch die neonazistische Influencerin „Line“ aus Bayern bedient dieses Phänomen, geht dabei aber deutlich offensiver vor. Sie macht erst gar keinen Hehl aus ihrer extremen Gesinnung und beschreibt ihre eigene Beziehung auf Social Media gerne stolz als „Casual“.
Es zeigt sich ein klares Muster: Die extreme Rechte hat längst verstanden, dass sich toxische Ideologien am effektivsten verpacken lassen, wenn man sie als hippen Lifestyle, als Mode-Statement oder als scheinbar harmlose Jugendkultur inszeniert.
Fazit: Mehr als nur Mode – Die schleichende Radikalisierung des Alltags
Hinter den Fit-Checks und der ausgelassenen Stadionstimmung steht immer häufiger neonazistisches und extrem Rechtes Gedankengut. Vor allem junge Männer sind das Ziel einer voranschreitenden Radikalisierung und Normalisierung von Hass.
Die Mechanismen dieser Unterwanderung greifen wie Zahnräder ineinander: Hatejacking und Normcore-Ästhetik sorgen für die nötige Tarnung. Sie liefern den Akteuren die rettende Plausible Deniability, um gesellschaftliche und algorithmische Radare zu unterfliegen. Gleichzeitig wirken die Empfehlungssysteme von TikTok und Instagram als Brandbeschleuniger, die toxische Memes, scheinbar harmlose Sounds und versteckte Dog Whistles bis tief in die Feeds der unpolitischen Mitte spülen.
Der eigentliche Motor dieses Erfolgs ist jedoch psychologischer Natur. Die Szene füllt ein gesellschaftliches Vakuum: In einer Zeit, die von Krisen, Umbrüchen und Statusängsten geprägt ist, locken extremistische Kader verunsicherte junge Männer mit dem Versprechen der Remaskulinisierung. Die Ellesse-Jacke, das Fred-Perry-Polo oder der Ausflug in den Kampfsportverein werden zur Eintrittskarte in einen exklusiven, militanten Männerbund. Dort gibt es simple Antworten auf komplexe Ängste – und klare Feindbilder.
Wenn Influencer wie „Rassel“ oder „Odine“ online als harmlose Fashion-Fans auftreten, offline aber bei Neonazi-Aufmärschen mitlaufen, die in Gewalt münden, wird eines überdeutlich: Es gibt in diesem Milieu kein „unpolitisch“. Die Aneignung der Casual-Kultur ist ein Paradebeispiel dafür, wie die extreme Rechte heute operiert – dezentral, subversiv und erschreckend alltagstauglich.
[1] Sergio Yebra Armesto, British Casuals: Influences, Music, Film, and the Cult of Clothing, 2021, https://uvadoc.uva.es/handle/10324/51271.
[2] Jessica Strübel und Monica Sklar, Fred Perry: Polos for All (2022), 81, https://doi.org/10.1108/S0163-239620220000054005.
[3] Elke Gaugele und Andrea Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“, International Journal of Politics, Culture, and Society, Online-Vorab-Publikation, 29. Mai 2025, https://doi.org/10.1007/s10767-025-09526-4.
[4] Yebra Armesto, British Casuals, 23.
[5] Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“.
[6] Yebra Armesto, British Casuals, 26.
[7] BfV und Bundesamt für Verfassungsschutz, „Mainstreaming und Radikalisierung in sozialen Medien: Abschlussbericht“, 1. Aufl., Berlin, 1. Januar 2023, https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/zaf/2023-02-16-zaf-abschlussbericht.html; Cynthia Miller-Idriss, The Extreme Gone Mainstream (Princeton University Press, 2018), https://doi.org/10.1515/9781400888931; Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“; Bond Benton und Daniela Peterka-Benton, „Hating in Plain Sight: The Hatejacking of Brands by Extremist Groups“, Public Relations Inquiry 9, Nr. 1 (2020): 7–26, https://doi.org/10.1177/2046147X19863838.
[8] Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“, 16.
[9] Strübel und Sklar, Fred Perry, 82.
[10] Strübel und Sklar, Fred Perry, 82f.
[11] Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“, 10.
[12] John Pollard, „Skinhead culture: the ideologies, mythologies, religions and conspiracy theories of racist skinheads“, Patterns of Prejudice 50, Nr. 4–5 (2016): 398–419, https://doi.org/10.1080/0031322X.2016.1243349; Eric Madfis und Stanislav Vysotsky, „Exploring Subcultural Trajectories: Racist Skinhead Disengagement, Desistance, and Countercultural Value Persistence“, Sociological Focus 53, Nr. 3 (2020): 221–35, https://doi.org/10.1080/00380237.2020.1782791.
[13] Robert Claus, Hrsg., Ihr Kampf: Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert (Verlag Die Werkstatt, 2020), 45.
[14] Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“, 10.
[15] Ozge Ozduzen u. a., „‘Let us teach our children’: Online racism and everyday far-right ideologies on TikTok“, Visual Studies 38, Nr. 5 (2023): 834–50, https://doi.org/10.1080/1472586X.2023.2274890; Garrison Wells u. a., „Right-Wing Extremism in Mainstream Games: A Review of the Literature“, Games and Culture 19, Nr. 4 (2024): 469–92, https://doi.org/10.1177/15554120231167214.
[16] Marloes Geboers und Marcus Bösch, „Malicious earworms and useful memes, how the far-right surfs on TikTok audio trends“, Version 1, preprint, arXiv, 2025, https://doi.org/10.48550/ARXIV.2506.20695.
[17] Cynthia Miller-Idriss, Hate in the Homeland (Princeton University Press, 2020), 150f, https://doi.org/10.1515/9780691234298.
[18] Jan Hanzelka und Ina Schmidt, Dynamics Of Cyber Hate In Social Media: A Comparative Analysis Of Anti-Muslim Movements In The Czech Republic And Germany, 1. Januar 2017, https://doi.org/10.5281/zenodo.495778.
[19] Stanislav Vysotsky, „Mainstreaming Hate: Far-Right Cultural Strategies“, Contemporary Sociology: A Journal of Reviews 51, Nr. 2 (2022): 102, https://doi.org/10.1177/00943061221076190d.
[20] Miller-Idriss, Hate in the Homeland, 88, 148ff.
[21] Lucas Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism: Remasculinization as Individual and Political Project“, Sociology Compass 19, Nr. 8 (2025): 6, https://doi.org/10.1111/soc4.70100.
[22] Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“, 8; Yves Müller, „Gegen Feminismus und» Dekadenz «–die Neue Rechte in der Krise?“, in „Was ein rechter Mann ist...“: Männlichkeiten im Rechtsextremismus // Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bd. 68, hg. von Yves Müller, with Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung (Dietz, 2010); Fabian Virchow, „Tapfer, stolz, opferbereit–Überlegungen zum extrem rechten Verständnis ‚idealer Männlichkeit ‘“, in „Was ein rechter Mann ist...“: Männlichkeiten im Rechtsextremismus // Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bd. 68, hg. von Yves Müller, with Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung (Dietz, 2010), https://nds.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/publ-texte/texte_68.pdf#page=39.
[23] Miller-Idriss, Hate in the Homeland; Cynthia Miller-Idriss, Man up: the new misogyny and the rise of violent extremism (Princeton University Press, 2025); Cynthia Miller-Idriss, In whose interest?: Gender and far-right politics in the United States, with Friedrich-Ebert-Stiftung, Study (Friedrich-Ebert-Stiftung, 2020), http://library.fes.de/pdf-files/bueros/usa/16648.pdf; Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“.
[24] Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“; Bastian Stock, „Alter Wein in neuen Boxhandschuhen? Die Active Clubs als Kameradschaftsmodell 2.0 - wi-rex“, Think Tank, Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung, 16. Juli 2025, https://wi-rex.de/active-clubs/; Lea Bellman und Bastian Stock, Broschüre: Sichtbarkeit und Sicherheit - Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen 2025, 2026, https://doi.org/10.17605/OSF.IO/9X5TJ.
[25] Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“.
[26] Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“; Bastian Stock, „Bodies, Combat, Brotherhood: Militant Masculinity and the Transnational Strategy of the Active Clubs“, 1. August 2025, https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=5375364.
[27] Miller-Idriss, Hate in the Homeland, 100f.
[28] Miller-Idriss, Hate in the Homeland, 97, 104ff.
[29] Barth u. a., „Wie sich Rechtsextreme in ‚Active Clubs‘ organisieren“, with tagesschau.de, 1. Januar 2024, https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/kampfssport-rechtsextremismus-100.html; Stock, „Bodies, Combat, Brotherhood: Militant Masculinity and the Transnational Strategy of the Active Clubs“; Alexander Ritzmann, Hiding in Plain Sight The Transnational Right-Wing Extremist Active Club Network: The Transnational Right-Wing Extremist Active Club Network (2023); Alexander Ritzmann, „Don’t Get Fooled—The Extreme-Right Active Club Network Is Not About Combat Sports — ARC“, NGO, Accelerationism Research Project, 29. März 2024, https://www.accresearch.org/shortanalysis/dont-get-fooledthe-extreme-right-active-club-network-is-not-about-combat-sports; Alexander Ritzmann, „(Mis)Understanding the transnational violent extreme-right Active Club Strategy“, Counter Extremism Project, 10. April 2024, https://www.counterextremism.com/blog/misunderstanding-transnational-violent-extreme-right-active-club-strategy; Jessa Mellea, „Kameradschaft, Fitness und Faschismus: Active Clubs in Deutschland“, CeMAS, CeMAS Blog, 26. März 2025, https://cemas.io/blog/active-clubs-in-deutschland/.
[30] Ben Jones, „Casual Culture and Football Hooligan Autobiographies: Popular Memory, Working-Class Men and Racialised Masculinities in Deindustrialising Britain, 1970s–1990s“, Contemporary British History 38, Nr. 1 (2024): 95–117, https://doi.org/10.1080/13619462.2023.2278534.
[31] Gottzén, „Exploring the Link Between Masculinity and Violent Extremism“, 3.
[32] Jones, „Casual Culture and Football Hooligan Autobiographies“, 98.
[33] https://www.sueddeutsche.de/politik/npd-wirbt-um-gewaltbereite-fussballfans-rechtsextreme-fluegelstuermer-1.1228352
[34] Gaugele und Grippo, „From Rebel, to Hipster and Normcore. On Mainstreaming and the Far-Right Politics of Fashion and Styles“.
[35] Miller-Idriss, Hate in the Homeland, 88.
[36] Miller-Idriss, Hate in the Homeland, 65f.
[37] https://www.tag24.de/justiz/zeugenaufruf/bahn-reisende-noetigen-weiteren-passagier-zum-ausstieg-polizei-bittet-um-hinweise-3468572


